Stadtbibliothek hängt ihren Katalog ins Netz und wirbt für Amazon (4.Update)
Die Stadtbibliothek Magdeburg hat nach einem knappen Monat nun seit Montag wieder geöffnet. Grund für die vorübergehende Schließung war die Umstellung der Software, die es nun ermöglicht den gesamten Medienbestand der Magdeburger Bibliotheken im Internet abzufragen. Aufgrund technischer Probleme (lies: fehlerhafte Software), hat sich die Wiedereröffnung ein wenig hingezogen. Nun ist der Katalog aber online und es scheint so, dass nun (oder schon immer?) Fernleihe nicht mehr auch in der Stadtbibliothek möglich ist. Mal abgesehen von den Problemen beim Setup des Systems, kann ich nicht verstehen, warum diese Katalog-Portale (auch OPAC genannt) so hässlich und klobig sein müssen (siehe Bild). Schaut man sich dann die Internetseite der verantwortlichen Firma Bond Bibliothekssysteme an, wundert mensch sich nicht mehr. Naja, ich will ja nicht immer meckern…
Schön am Katalog der Stadtbibliothek ist zum Beispiel, dass oft die Buchdeckel angezeigt werden. Diese sind von Amazon ausgeliehen, was bestimmt im gegenseitigen Einvernehmen passiert. Schließlich kommt mensch nach Klicken des Buchdeckelbildes auch direkt auf die jeweilige Seite bei Amazon. Was mich dann aber doch ein wenig wundert: befinde ich mich dann auf der Amazonseite, steht ‘bondonline-21’ in der Adresszeile (siehe zweites Bild). Kann es sein, dass Bond Bibliothekssysteme ein wenig was dazu verdienen will? Grad im Lichte der Schleichwerbungdebatte, find ich es ein wenig fragwürdig, dass eine öffentliche — im Sinne von städtische — Seite für eine Firma Werbung macht. Schließlich ist es für den Normalnutzer nicht ersichtlich, dass Bond Bibliothekssysteme bei einem potenziellen Kauf mitverdient.
Werde demnächst mal bei der Stadtbibliothek anfragen, was es damit auf sich hat. Jetzt muss ich aber los.
Update vom 14. 9.
Nach einem Anruf bei der Stadtbibliothek bin ich nun etwas schlauer. Die Frau am Telefon erklärte mir, dass es nicht nötig ist, auf das ‘Piktogramm’ zu klicken. Als ich Schleichwerbung erwähnte, meinte sie, dass das ganz normale Werbung in der Software wäre und keine Schleichwerbung ist. Ich dachte mir, gut, wenn die Stadtbibliothek darauf angewiesen ist, kann man wohl nix machen. Allerdings beteuerte die freundliche Frau, dass die Bibliothek mit Amazon nix zu tun hat, das sei dann etwas zwischen Bond Bibliothekssysteme und Amazon. Das macht mich dann aber doch stutzig. Mehr dazu in Kürze.
Update vom 15. 9.
Nach einem Rückruf von der netten Frau aus der Öffentlichkeitsabteilung, wird die Sachlage klarer. Die Abmachungen bezüglich der Piktogramme ist so gelaufen, dass dafür, dass die Nutzer die Bildchen eingeblendet bekommen, der Link eben zu Amazon führt. Dass Bond Bibliothekssysteme da noch Abmachungen mit Amazon hat, „schadet der Stadtbibliothek ja nicht“ (sinngemäß). Oder anders: dass Bond Bibliothekssysteme auf dem Katalogportal der Stadtbibliothek Werbung für Amazon macht und dabei wahrscheinlich mitverdient, ohne dass dies irgendwo dokumentiert zu sein scheint, ist ja nicht so wild. Es gab ein Auswahlverfahren, wobei drei Firmen in Frage gekommen sind. Bond hat den Zuschlag bekommen, weil der Preis und die Bedienoberfläche stimmten, und Bond versicherte, die alten Daten ins neue System zu übernehmen. Dass dies jedoch recht aufwändig war, zeigte sich daran, wie lange die Bibliothek geschlossen war. Als ich nachfragt, ob die Abmachungen bzgl. dieses Auftrages einzusehen sind, meinte die freundliche Frau, dass das wohl kaum möglich ist. Auch ist meine Vermutung über Fernleihe nicht wahr geworden. Es war wohl einst möglich Fernleihe zu machen, bis es Änderungen bei den Kosten der Zustellung gab. So gibt es nun keine Fernleihe mehr. Die Ausleihe online zu verlängern, wird in naher Zukunft möglich sein. Erst müssen aber noch die Stadtteilbibliotheken an den Katalog angeschlossen werden.
Update vom 16. 9.
Heute habe ich Bond angerufen, um dort etwas konkreteres zu erfahren. Wieder eine freundliche Frau am Telefon, aus dem Sekretariat, hat mein Anliegen aufgenommen, nachdem sie mich erst wieder zur Stadtbibliothek zurückweisen wollte. Aber auf Bürokratielabyrinth hatte ich keinen Bock. Ich würde zurückgerufen werden.
In der Zwischenzeit half (wieder) eine kleine Recherche. Sucht mensch nach WebOPAC, Amazon und Bond kommen einige interessante Beiträge zur Problematik, Amazonwerbung auf Bibliothekskatalogen. Dabei bin ich auf eine weiteres Schmankel gestoszen. So gab es wohl am 2. Mai 2005 einen Artikel in der SZ mit dem Titel „Kampfplatz Katalog“, in welchem wohl diese Verknüpfung zwischen den Online-Katalogen der öffentlichen Bibliotheken und Amazon diskutiert wird. Leider liegt mir dieser Artikel nicht komplett vor. Auf der Mailingliste INETBIB (= Internet in Bibliotheken) gab es dazu eine rege Debatte. Im Artikel wird bspw. der Bibliotheksverbund Bayern angeführt, der eine ähnliche Kooperation unterhält. So steht im Artikel:
Hier dringen in bemerkenswerter Weise Geschäftsinteressen in die Kataloge öffentlicher Bibliotheken ein. Vor den Zeiten einer solchen “Anreicherung” hatten Bibliothekare von Katalogpflege noch andere Begriffe.
Ein Stichwort fällt dabei öfters: Kataloganreicherung. Sie soll dem Leser insofern behilflich sein, indem es externe Informationsquellen hinzuzieht, um die Abfragen sinnvoller/gehaltvoller zu gestalten. Dann ist mir aufgefallen, dass bei dem Katalog der Magdeburger Bibliothek auch zu Amazon verwiesen wird, wenn etwas nicht im Bestand ist. Es wird ein Logo von Amazon eingeblendet mit einem Link zur Amazon-Seite (siehe drittes Bild). Klicke ich auf das Logo, öffnet sich Amazon im Frame, was doof ist. Klicke ich auf ‘go’ öffnet sich Amazon mit der Suchanfrage. In manch anderen OPAC-Systemen — lese ich in der Mailingliste — werden Einträge mit den jeweiligen Rezensionen von Amazon verknüpft. Dass diese Anreicherung eine Begünstigung des bereits größten Online-Buchhändlers bedeutet, wird dabei kritisiert. Statt zu Amazon zu verlinken, wird eine händlerneutrale ISBN-Suche empfohlen, vergleichbar mit den ISBN-Links auf Wikipedia.
Ich wurde dann ziemlich schnell von Bond zurückgerufen. Wieder meldete sich eine freundliche Stimme. Diesmal eine männliche. Er erklärte mir, dass er es gut findet, dass ich mich dafür interessiere und bei der verantwortlichen Firma melde. Bond biete der Bibliothek an, die Cover der Bücher einzublenden, damit die Nutzer einen Mehrwert haben. Es gäbe eine Vereinbarung zwischen Amazon und Bond, die beinhaltet, dass im WebOPAC eben diese Piktogramme verwendet werden dürfen, wenn sie zum entsprechenden Eintrag auf Amazon verlinken und bei im Katalog nicht vorhandenen Einträgen die Amazon-Suchmaske einblenden. Dabei verdient, nach Aussagen dieses Herrn, Bond an eventuellen anschlieszenden Bucheinkäufen nicht mit. Der Mensch am Telefon betont mehrfach, dass er es schade fände, wenn dem Leser die Ansicht der Piktogramme entgehe, also wenn ich in der Beziehung etwas unternehmen würde. Ich erkläre ihm, dass ich ein Problem damit habe, dass hier offensichtlich Werbung für den größten Online-Buchhändler betrieben wird, ohne dass es irgendwo dokumentiert steht. Völlig unausgesprochen wird hingenommen, dass der Onlinekatalog der Stadtbibliothek eng mit Amazon verzahnt ist. Es folgen die bekannten Sätze zum Zeitgeist: die Kassen sind leer und irgendwo musses ja herkommen. „Eine Hand wäscht die andere.“ Ich soll der erste gewesen sein, der auf Bond diesbezüglich zugeht. Als ich ihm erkläre, dass die Problematik Bond + Amazon + OPAC allerdings nicht unumstritten ist, meint er, dass es ja sogar komplett werbefinanzierte Bibliothekskataloge gibt. Mag sein. Ich bedankte mich für seine Zeit, und würde ihn bei offenen Fragen nochmal anrufen.
Update vom 2. Februar 2006
Während jene fragwürdige Kataloganreicherung nach wie vor stattfindet, wurde dieser Blogbeitrag im netbib weblog gefeatured, Reinhard Markner hat mir den Link zu seinem SZ-Artikel „Kampfplatz Katalog“ geschickt und Klaus Graf hat einen konstruktiven Kommentar zur Problematik hinzugefügt. Danke für das Feedback. Ich habe im Moment nicht die Zeit/Geduld mich da stärker hinterzuklemmen – vielleicht werden ja noch andere Magdeburger darauf aufmerksam und möchten gegen diese fortschreitende Kommerzialisierung öffentlicher Institutionen, wie die der Stadtbibliothek, etwas tun.



September 15th, 2005 at 9:47 pm
Sehr interessant … bin schon seit Jahren nicht mehr in der Stadtbibo gewesen … aber schön zu sehen dass man auch da im Onlinezeitalter angekommen ist …
Zu Amazon … mich wundert es echt, dass die sich bei der Sache von Bond so haben linken lassen. Das wär ja so, als ob meine Bank es hinnehmen würde, wenn der Hersteller der Automatensoftware beim Geldautomaten für ALDI wirbt. Sehr merkwürdig …
November 22nd, 2005 at 8:04 am
[…] e Stadtbibliothek stellt ihren Medienkatalog ab sofort auch Online zur Verfügung. Im www.anarchitect.org Blog ist eine in […]
February 2nd, 2006 at 10:22 am
Kataloganreicherung?
Schönen Dank an Reinhard Markner für den Hinweis auf den Weblogeintrag von Anarchitect, der sich umfassend mit dem Katalog der Stadtbibliothek Magdeburg beschäftigt. Genauer gesagt um die integrierten Titelbilder, die dann zu amazon-Website verlink…
February 2nd, 2006 at 6:34 pm
Die von mir unter
http://wiki.netbib.de/coma/EnrichedContent
betreute und von anderen mitgestaltete Seite widmet sich schwerpunktmäßig der Kataloganreicherung durch Inhaltsverzeichnisse, Zusammenfassungen und Besprechungen, um wissenschaftlichen Nutzern zu helfen. Die auch in US-Bibliotheken üblichen Cover-Abbildungen sind für mich verzichtbar, da ich den Informationsgehalt nicht sonderlich hoch bewerte. Kostenlose Werbung für einen Online-Buchhändler zu machen, nur um die urheberrechtlich geschützten Umschläge abbilden zu dürfen, ist mehr als fragwürdig und sollte vom Rechtsamt der Stadt Magdeburg geprüft werden.
Bibliotheken, die rechtmäßig erworbene Bücher verleihen, sollten de lege lata das Recht haben, Cover-Abbildungen zur Werbung zu verwenden (Fortführung der BGH-Entscheidung Parfümflakon, die Produktabbildungen im Rahmen der üblichen Bewerbung eines Produkts erlaubte).
May 4th, 2006 at 12:27 am
[…] es gröszten Internetbuchhändlers im webbasierten Katalog der Magdeburger Stadtbibliothek niedergeschrieben. Letzte Woche hat […]