Spiel nicht mit den Schmuddelkindern (Update)
Wenn die Archäologin Susanne Osthoff nach ihrer Entführung im Irak nicht nach den Regeln der ‘journalistischen’ und politischen Eliten Deutschlands spielt, sind eben diese eingeschnappt und wissen, vorzugsweise mit Schlamm zu schmeiszen. Ohne sich grosz mit inhaltlichen Sachen auseinanderzusetzen, wird dem Bürger, der wahlweise lethargisch vorm Fernsehgerät oder schwitzend über die Groszbuchstabensuppe hängt, mundgerecht der Skandal für zwischen die Jahre serviert. Der geht dann sinngemäsz so: Die Osthoff ist lebensmüde, hat nicht genug von Entführungen, und will sich im Irak nen Lenz auf Kosten der deutschen Steuerzahler machen. Schlieszlich ist sie ja schon eine von denen. Dass diese Argumentation versehentlich auf eine falsche Übersetzung des Al-Jazeera-Interviews basiert, wird nicht weiter aufgearbeitet. Bislang hat sie es sich offen gehalten, in den Irak zurückzukehren, schlieszlich befindet sie sich über 10 Jahre in diesem Land. Näheres findet man an vielerlei Stellen. Wenn mensch nur die Augen auf macht. Was man in den etablierten und hochgeachteten Medien nur auf den hinteren Seiten oder Sendeplätzen oder eben gar nicht findet, ist, dass Deutschland eine eher unrühmliche Rolle beim Kulturgüterschutz spielt. Dies scheint in diesem Zusammenhang für den Zuschauer des Spektakels zu komplex und unverdaulich. Dass dies eventuell auch eine Rolle bei der Behandlung der deutschen Archäologin spielen könnte, ist — wie so vieles in diesen Tagen — Spekulation, aber sicherlich nicht gänzlich abwegig.
Weitere Informationen
- Netzeitung: Osthoff lässt Rückkehr nach Irak offen
- Tagesschau: “Man kann ihre Arbeit nicht hoch genug einschätzen”
- Wikipedia: Susanne Osthoff
UPDATE
Ich find es ganz schön fragwürdig, wie sich die deutsche Medienlandschaft (inkl. Blogosphäre) an dieser Frau zu schaffen macht, ohne nach wirklichen Umständen oder gar — nicht erschrecken — Fakten zu recherchieren. Es sind Indizien, Spekulationen und eine Falschübersetzung an der richtigen Stelle, worauf sich der aktuelle Diskurs um Frau Osthoff gründet. So entstand der Eindruck, als ob sie geradewegs zurück in den Irak wollte. Dies wurde aber bisher von ihr in keiner Stellungnahme geäuszert. Ich habe mir das ZDF-Interview angeschaut und nachgelesen, und sie schien da erstmal verwirrt und fertig. Was meiner Auffassung nach vollkommen nachvollziehbar ist.
Das sonderbare und surreale ist, dass die deutsche Öffentlichkeit – abgesehen vom Einsatz einzelner politischer und religiöser Funktionäre – vor der Freilassung, kaum etwas Mitgefühl für Frau Osthoff übrig hatten. Während Entführte aus Frankreich oder Italien grosze Solidaritätsbekundungen erhielten, fielen diese hierzulande spärlich aus. Die deutsche Gesellschaft scheint ein Problem mit jener selbständigen Frau zu haben. Michael Osang argumentiert in einem Interview mit Deutschlandradio am 12. Dezember 2005 (MP3) vor der Freilassung, dass manche Menschen in Deutschland sich möglichweise von der Andersartigkeit dieser Frau angegriffen fühlen und daher mit tiefer Ablehnung reagieren.
Demgegenüber sind es einige Wenige, die Respekt vor ihr und ihrer Arbeit haben. In einem Tagesschau-Interview sagt der Archäologe Müller-Karpe, dass er Osthoffs Engagement „nicht hoch genug einschätzen“ kann. Schlieszlich wären im Irak wertvolle Ausgrabungsstätten durch Raubgrabungen bedroht und bereits geplündert, wovon die Welt ohne Menschen wie Frau Osthoff nichts mitbekommen würde. Der Berufskollege Osthoffs argumentiert, dass jene Raubwaren pikanterweise in Deutschland verkauft werden dürfen, da Deutschland die Unesco-Konvention von 1970 zum Kulturgüterschutz nicht unterschrieben hat, und zwar mit der Begründung, deutsche Arbeitsplätze zu sichern.
In Deutschland hat nun einmal die Arbeit Vorfahrt, da muss die Wiege der Zivilisation ein wenig warten.
3 Comments
Jump to comment form | comments rss [?] | trackback uri [?]