Fahrradwerk in Nordhausen besetzt
Eben in der Diskussionsrunde haben wir noch u.a. über dezentrale und demokratische Strukturen für Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutiert – statt militarisierte wie zum Beispiel in Israel und Palästina – und dabei die besetzten Fabriken Argentiniens als ein Beispiel ins Feld geführt, da lese ich bei Indymedia über die Nordhausener Fahrradfabrik, die aufgrund der angekündigten Schlieszung jetzt seit dem 10. Juli von den Arbeitern besetzt wird.
Das finde ich sowohl schön als auch spannend. Wenn jetzt aus der Besetzung ein selbstverwalteter Betrieb entstehen könnte, wäre meine Utopie keine mehr. Ich meine, ein Fahrrad von einer Fabrik in Selbstverwaltung würde bei meinem nächsten Fahrradkauf gegen jedes tazrad anstinken. Und dass Arbeiter – nicht Arbeiterpartei – ihren Betrieb übernehmen, hatten wir in Deutschland auch schon mal. Und Fahrräder sind ja auf jeden Fall die Zukunft. Zum Beispiel auch die nähere: morgen ist nämlich wieder letzter Freitag im Monat.
Die deutsche Blogosphäre reagiert bislang leider eher verhalten. Auf dem Blog über Selbstverwaltete Betriebe gibt es einen Eintrag, der die Besetzung unterstützt. Dem schliesze ich mich hiermit an und werde auch morgen zur kritischen Masse ein paar Mal den Artikel ausdrucken und verteilen. Bei Schlimmes & Schönes wird die Aktion bewundert und als sozialer Kampf verstanden, im Kontrast zu den Studenten, die auszer Konkurrenzkämpfe kaum für etwas einstehen würden. Auf jeden Fall eine nachvollziehbare Gegenüberstellung. Auf LabourNet gibt es ein Special zu Bike Systems Nordhausen in der Sparte Fahrzeugbau (ohne Auto). In konventionellen Zeitungen steht auch einiges dazu. Ich bin gespannt, wie sich die Sache weiterentwickelt.


July 27th, 2007 at 8:25 am
Ich glaube von einer selbstverwalteten Fabrik sind die Arbeiter der Nordhausener Fahrradfabrik soweit entfernt wie wir vom Mond. Angst und Verzweiflung angesichts der Existenzbedrohung durch die Schließung führen zum Widerstand. Das ist viel, keine Frage, aber dennoch deutlich weniger als - aus nachvollziehbaren Gründen - gern hineininterpretiert wird.
July 28th, 2007 at 7:56 am
Hallo Anarchitect,
vielen Dank für die Unterstützung! Ich bin gerade dabei meine Kontakte nach Argentinien zu nützen und das Thema dort publik zu machen und den Kontakt zwischen den Arbeitern dort und denen von Nordhausen aufzubauen. Ich denke, dass dies mehr Sinn macht, weil es dann Tatsachen und Erfahrungen sind die für sich sprechen und es nicht Leute sind, die sich vor allem inhaltlichen damit beschäftigen.
Trotzdem ist es wichtig hinter den Arbeitern zu stehen und das Thema publik zu machen ohne zu vergessen, dass die Entscheidung letztendlich bei den Arbeitern liegt. Ich denke auch und habe das in Argentinien erlebt, dass die Vorstellungen und Hoffnungen der “Linken” oft weit davon entfernt sind von dem was in den Arbeitern vor sich geht und solche Bewegungen ausmacht. Diese Freiheit sollten wir Ihnen geben, aber trotzdem hinter ihnen stehn. Für eine freie Arbeiterschaft!
July 28th, 2007 at 2:09 pm
Ja, das stimmt. Konkrete Erfahrungen sind sicher besser zum Anknüpfen, als Ideen (lies: Flusen) von Menschen, die sich damit eher theoretisch/ideologisch auseinandersetzen, was für mich ebenso gilt…
Ich stimme euch zu, dass es an den Arbeitern liegt, inwiefern sie nun von der Besetzung aus in die Zukunft gehen. Um diesen Abgleich von linker Utopie und realer Erfahrung zu machen, würde ich gern einmal vorbeischauen, und mit den Arbeitern quatschen. Das machen wir eventuell auch morgen.
July 30th, 2007 at 8:53 pm
Für eine freie Arbeiterschaft… und eine freie Kopfarbeiterschaft. Wobei es gut tut, sich zu überlegen, dass die Organisation des eigenen Lebens in der Freiheit einer halbwegs toleranten :) Demokratie, in der wir ja leben, üblicherweise ohnehin ein hohes Maß an Selbstverwaltung voraus setzt. Wenn allerdings das Management einer Fabrik die ihr vom Finanzinvestor “Lone Star” übertragenen Freiheiten nicht mit positiven Ergebnissen zum Wohle der Angestellten erfüllen kann oder will, dann wird aus “Freedom of Choice” leider eine große, internationale Krötenwanderung.