Log 


Fahrradwerk in Nordhausen besucht

Wir waren vergangenen Sonntag in Nordhausen und haben mit den Arbeitern der besetzten Fahrradfabrik gesprochen. Wir wurden sehr herzlich empfangen und haben Näheres über die Sachlage erfahren. Uns wurde das Werk gezeigt und der Werdegang der letzten Jahre erklärt.

Die Arbeiter erfahren in diesen Tagen grosze Solidarität von der Bevölkerung. Eine Woche zuvor wurde ein groszes Fest veranstaltet, wo Bevölkerung aus Nordhausen und Umgebung zu Gast waren. Die Solidaritätsbekundungen, die über Email reinkommen, reichen von Betriebsratsgrüszen bis zu ersten Kaufversprechen, sollte der Betrieb in Selbstverwaltung übergehen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass aber Selbstverwaltung sich als besonders schwierig darstellen würde, da im Prinzip nur noch der “produzierende Arm” der Fabrik vorhanden ist. Alles weitere wie Verwaltung, Vertrieb und Finanzen sind in der Vergangenheit von Geschäftsleitung grösztenteils ausgegliedert wurden.

Inwiefern sich aus dem Protest also tiefergreifend widerständige Praxis entwickelt, ist im Moment schwer vorherzusagen. Als wir ankamen hingen bereits Poster den zapatistischen Kaffee anpreisend für den täglichen Widerstand – wobei die Belegschaft sich nicht notwendigerweise mit dem Mexikaner mit Gewehr in der Hand und Sombrero auf dem Kopf identifiziert. Auch steht die Idee einer Selbstverwaltung nicht offen im Raum. Als ich vorsichtig danach fragte, sagte ein Arbeiter: “Ha, der nächste der nach Selbstverwaltung fragt.” Wir haben dann zwar ein wenig darüber philosophiert, wie ein womöglich ökologisch und sozial nachhaltig hergestelltes Fahrrad auf der Welle bewussteren Konsums mitreiten könnte – allgemeine Begeisterung gibt es in der Belegschaft dafür (noch) nicht, eher Zweifel.

Auf die Frage, wie mensch den Widerstand der Nordhausener unterstützen kann, wurde uns gesagt, dass Öffentlichkeit besonders wichtig wäre. Man könnte Diskussionsabende zur Thematik organisieren. Ich habe einerseits auf regionale Sozialforen als auch auf die Menschen des Kongresses zur Solidarischen Ökonomie verwiesen. Darüberhinaus sind globalisierungskritische Mitmenschen im Allgemeinen sicherlich auch an diesem Thema interessiert.

Kontaktdaten und mehr Infos gibt es auf LabourNet.

5 Responses to “Fahrradwerk in Nordhausen besucht”

  1. schmondt Says:

    herrliche projektionsfläche das ganze und dann so beispiele wie argentinien anzubringen… man eh, checkt mal den kontext aus! selbstverwaltet in dunkeldeutschland — damit brauchst du denen doch nich kommen! die wollen sichere arbeitsplätze und keine laborratten für sozialpädagogik-studenten sein.

  2. anarchitect Says:

    um die menschen mit ihrem kontext näher kennenzulernen, sind wir nach nordhausen gefahren. explizit auch um “projektionsfläche” mit realität abzugleichen.

    es geht eben nich darum die fahrradwerker zum experimentieren zu zwingen – insofern hinkt dein laborratenvergleich ein wenig – sondern perspektiven jenseits von arbeitslosigkeit und ausbeutung gemeinsam abzuchecken. die eigentlichen schritte können sie aber nur selber machen. das ist doch klar.

    was das mit dunkeldeutschland und sozialpädagogik zu tun hat, versteh ich nicht ganz. vielleicht kannst du mir das näher erklären. oder sind das projektionsflächen für deinen ganz eigenen film, den ich übersehen hatte.

  3. SelbstverwalteteBetriebe Says:

    @ Anarchitect: finde es gut das Du Dir selbst ein Bild gemacht hast! Leider fehlt mir dazu momentan das Geld und die Zeit sind halt doch 5 Std. Fahrt. Ich wäre gerne selbst hingefahren um den Arbeitern den Solidaritätsbrief der Arbeiter von Chilavert zu übergeben, denn die Aktion mit dem Brief fand leider nicht viel Resonanz und ich weiss auch nicht ob er vielleicht im Betriebsratsbüro untergegangen ist. Ich werde aber dran bleiben am Vermitteln zwischen Argentinien und Nordhausen

    @ Schmondt: Wer sich die Mühe macht die Geschichte der empresas recuperadas aus Sicht der ArbeiterInnen zu betrachten und nicht nur die Bewertungen aus Sicht linker Kreise zu lesen, der weiß das auch in Argentinien keiner der Arbeiter als erstes an Selbstverwaltung gedacht hat nachdem der Betrieb besetzt wurde. Es waren Erfahrungen aus anderen Betrieben, die die Leute dazu bewegten diesen “scheinbar” schweren Schritt zu gehen. Und deshalb sind solche Besuche insofern gut, dass sie die ArbeiterInnen auf solche Erfahrungen hinweisen. Und die sind die ArbeiterInnen in Argentinien bereit zu teilen. Das hab ich bei meiner Aktionsforschung mit den Betrieben selbst erlebt. Vielleicht bin ich deswegen auch so überzeugt von diesem Weg.
    Doch in einem stimme ich Dir voll und ganz zu, Laborratten will keiner!! Aber begleiten sollten wir den Prozess auf jeden Fall um genau dies zu verhindern.

  4. schmondt Says:

    ja, euer engagement in ehren und viel glück auf den weg, aber ich finds echt schwierig mir ohne drogen bei den momentanen zuständen derartige illusionen zu machen.

    @anarchitect: betr. “dunkeldeutschland und sozialpädagogikstudenten”
    ok, anders…
    (1) thüringen (!),
    (2) “change for good in general” (!)

    sorry für die wenig konstruktive auseinandersetzung… wollte gar nicht so arg dissen.

  5. IdrawESCAPEplans Says:

    mhh naja ich finds ja auch gut wenn die leute ihre situation verbessern wollen, sprich in ihrem individuellen interesse handeln. mehr seh ich aber bei dieser besetzung nicht als erfolgsmöglichkeit.

    die fabrik wird selbstverwaltet oder nicht, den markt und die produktionsverhältnisse nicht aushebeln können oder freiräume alternativer ökonomie realisieren. die arbeiter_innen werden wohl oder übel verkaufen müssen. damit ist der betrug durch die verhältnisse schon eingeleitet. die frage ist halt nur noch wie gut es ihnen dabei geht. wobei das ja auch subjektiv sein kann. man kann sich auch selbstverwaltet dem arbeitswahn hingeben und mit dem gefühl von freiheit auf den burn-out zusteuern. in diesem fall würde ich dann aber sagen eine firma mit vertraglich geregeltem beschäftigungsverhältnis wär für den/die einzelne/n die bessere wahl. muss nicht - kann aber.

Leave a Reply